Warum ein tiefer Atem zu Entspannung führt

Der Atem ist der einzige organische Mechanismus, der sowohl von außen als auch von innen gesteuert wird. Alle anderen Organe wie Herz, Magen und Darm arbeiten ganz autonom ohne unsere Kontrolle. Das autonome Nervensystem gibt ihnen den Rhythmus vor. Willentlich lassen sie sich nicht aus dem Takt bringen. Die Lunge ist da eine Ausnahme. Ihren Rhythmus können wir bewusst verändern. Wir können schneller oder langsamer, tiefer oder flacher atmen und sogar den Atem anhalten. Die Geschwindigkeit des Ein- und Ausatmens wird mit der Atemfrequenz gemessen. Wenn wir wollen, können wird die Frequenz bis zur Hyperventilation steigern. Wenn wir das zu lange treiben, dann fallen wir durch die übermäßige O2-Konzentration in Ohnmacht. Aber auch ein zu langes Anhalten der Luft kann dazu führen, dass wir das Bewusstsein verlieren.

Zum Glück müssen wir uns nicht ständig um den Atem kümmern. Wenn wir etwas Wichtigeres zu tun haben, dann steuert das Atemzentrum im Kleinhirn das Atmen. Akribisch misst es die CO2- und O2- Konzentration im Blut und passt die Atemgeschwindigkeit den körperlichen Bedürfnissen an. Wenn wir schnell laufen, erhöht sich die Atemfrequenz. Wenn wir schlafen, wird sie langwellig. Der Atem spiegelt aber auch unseren psychischen Zustand wider. Wenn wir aufgeregt sind, dann atmen wir schnell. Erschrocken stockt uns der Atem. Wenn wir erst einmal tief durchatmen, dann verschaffen wir uns einen Abstand. Doch wie die Seele die Atmung bestimmt, kann auch andersherum die Atmung unsere Seele beeinflussen. Tiefes Atmen führt uns zur Ruhe, schnelles kraftvolles Atmen in die Aktivität.

Das Wissen um die enge Verbindung zwischen Seele und Atem ist uralt. Schon die alten Yoga-Gurus experimentierten mit dem Atem, um sich in höhere Bewusstseinszustände zu versetzen. Die Techniken, die sie hieraus entwickelten, wurden im ältesten Lehrkanon, dem Yogasutra des Patanjali, beschrieben. Im Yoga werden sie als Pranayama oder Atemkontrolle bezeichnet. Wer Pranayama regelmäßig ausführt, der klärt und beruhigt seine Gefühle und seine Gedanken. Wenn der Geist nicht mehr von äußeren Dingen abgelenkt ist, kann er in die Tiefe des Seins blicken, verspricht die verheißungsvolle Botschaft. Doch wie kommt man in diesen Zustand? Die Übungen sind eigentlich ganz einfach. Man richtet den Atem auf einen Punkt im Körper, wo er besonders intensiv wahrnehmbar ist. Der Atem soll langsam und sanft fließen, ohne zu stocken. Die Länge der Aus- und Einatmung wird beobachtet und verändert. Eine weitere Übung ist, den Atem anzuhalten. Mit voranschreitender Übung geschieht das bewusste Atmen ganz von alleine. (Sutras 2.49-2.55)

Wenn wir im Stress sind, atmen wir kurz und flach. Dabei kommt es zu einer Unterversorgung im Körper und Gehirn mit Sauerstoff. Im Yoga wird Atem mit Prana oder Energie gleichgesetzt. Kein Wunder also, dass wir uns nach längeren, intensiven Arbeitsphase müde und abgeschlafft fühlen. Da hilft ein Spaziergang an der frischen Luft, den Körper zu recken und zu strecken tief durchzuatmen. Im Dauerstress kommt es jedoch häufig vor, dass die Atemmuskulatur immer mehr degeneriert. Der Brustmuskulatur ist verkürzt und der wichtigste Atemmuskel, das Zwerchfell, ist verspannt. Um diese Blockaden zu lösen, sind Dehn- und Drehübungen aus dem Yoga eine wundervolle Medizin. Jede gute Yogastunde sollte auch genügend Zeit für Pranayama-Übungen einräumen. Je häufiger Sie üben, desto selbstverständlicher wird ein voller Atem, der sie auch durch stressige Tage trägt.

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