Im Sutra 1-3 unterscheidet Patanjali das wahre Selbst (purusha) vom meinenden Selbst (citta). Es gibt etwas, das höher ist als das normale Alltags-Ich. Das Alltags-Ich ist geprägt von Meinungen und Geschichten, die ich über mich selbst und die Welt erzähle. Patanjali nennt es deshalb das meinende Selbst (citta). Das wahre Selbst (purusha) dagegen wird dann sichtbar, wenn der Geist zur Ruhe kommt. Wenn meine Gedanken still werden und nehme ich wahr, dass ich mehr bin als mein Körper, meine Gefühle und meine Gedanken. Dann erkenne ich meine Seele in ihrer reinen Form oder wie Patanjali es im Sutra 1-3 beschreibt: Dann ruht der Seher in seiner wahren Form.
Die Idee vom wahren Selbst ist sehr abstrakt und für Schüler, die sich mit Spiritualität oder Glauben wenig beschäftigen, anfangs schwer verständlich. Nutze folgende Allegorie, um die Idee einfach zu erklären:
“Stell Dir einen tiefen Bergsee vor, der vom Sturm aufgewühlt ist. Das Wasser ist trüb vom Sand und Schlamm. Wenn sich der Sturm beruhigt und dann wird das Wasser klar. Du kannst in die Tiefe sehen. Genauso verhält es sich mir dem Geist. Ist er aufgewühlt und unruhig, kannst Du den Grund nicht sehen und damit auch das wahre Selbst nicht erkennen. Erst wenn sich Geist beruhigt, siehst Du das wahre Selbst in Deiner Tiefe.”
Tadâ drashtuh swarûpe vasthânam
Dann weilt der Seher in seinem wahren Zustand
Yoga Sutra 1-3, Übersetzung Iyengar
Swami Satchidananda hat ein weiteres gute Bild entwickelt, an Hand dessen Du das wahre Selbst erklären kannst. Das große und das kleine I unterscheiden sich nur durch einen Punkt über dem Strich. Nach Satchidananda geht es im Yoga nur darum, diesen Punkt wegzubekommen. Dann wird das kleine i zum großen I oder das Alltags-Ich zum wahren Ich.
