Retreat Erfahrungen Zen

Meine Retreat-Erfahrungen: Zen ist nichts für Anfänger

Etwas naiv hatte ich mich als Meditationsanfängerin für ein 7 tägiges Zen-Retreat angemeldet. Meine Zimmernachbarin war sehr erstaunt, als ich ihr erzählte, dass ich noch nie auf einem Retreat gewesen wäre. Schon bald wurde mir klar warum sie so erstant war. Am ersten Morgen erläuterte der Zen-Meister die Regeln: Wem während der Meditation schwindelig wird, der solle sich melden. Die Assistenten kommen und tragen ihn in das Nachbarzimmer. Wer nicht gerade sitzt, bekommt einen sanften Stockhieb auf die Schulter. Wer ein Einzelgespräch mit dem Meister will, muss eine blaue Karte unter den Rand seiner Matte schieben. Mutig ließ ich gleich am ersten Tag meine blaue Karte unter der Matte herausschauen, denn ich wollte dem Meister meine Befürchtung mitteilen, dass mich das Retreat überfordert. Doch dazu später.

Das Programm war verpflichtend. Die Gehmeditation begann um 5:30 Uhr. Im Stechschritt mussten wir in einem kleinen Hof im Kreis laufen. Anschließend wurde eine Stunde meditiert. Beim Zen sitzt man vor einer weißen Wand und starrt sie an. Als ich am zweiten Morgen zu spät kam, musste zur Strafe auf einem Bänkchen vor dem Meditationsraum warten bis die Meditation zu Ende war. Es gehört zur Philosophie buddhistischer Retreats, dass man mithilft. Ich arbeite sehr gerne im Garten und malte mir aus, wie ich im Zengarten Unkraut jäte. Aber entgegen der Ausschreibung wurde Gartenarbeit nicht angeboten. Ich konnte zwischen Putzen der Treppe, der Gemeinschaftsräume, der Toiletten oder des Empfangs wählen. Ich entschied mich für den Empfang. Es stellte sich später heraus, dass ich die schlechteste Wahl getroffen hatte. Während meine Kolleginnen die Toiletten in 20 Minuten geputzt hatten, brauchte ich eine ganze Stunde, um den vielbegangenen Eingang zu säubern.

Das Programm ließ wenig Pausen zu. Ich hetzte von einer Meditation zur nächsten. Mittags saßen wir gedrängt wie Lemminge am Tisch und aßen mit angelegten Ellenbogen. Selbstverständlich wurde geschwiegen und auch keinen Blickkontakt war erlaubt. Mit gesenkten Augen und gestikulierenden Händen teilte ich meinem Nachbarn mit, welche Schüssel er mir reichen sollte. Nach dem Essen gab es eine zweistündige Pause. Ich nutzte die Pause, um die Gegend zu erkunden. Auch das war ein Fehler. Ich hatte mich lieber wie meine Zimmernachbarin zu einem Mittagsschlaf hinlegen sollen. Am Nachmittag hielt der Meister einen Vortrag und wir durften seinen Niederwerfungen beiwohnen. Er warf sich dreimal flach auf den Bauch in seinem buddhistischen Gewand.

Um 21 Uhr endete das Programm und die Haustüren wurden verschlossen. Am nächsten Tag war ich nach dem frühen Aufstehen dem Rennen im Kreis, dem Sitzen auf dem Strafbänkchen und dem anstrengenden Putzeinsatz völlig erschöpft. In mir reifte die Entscheidung, das Retreat abzubrechen. Also schob ich wieder meine blaue Karte unter die Matte. Bereits am Vortag hatte ich im Einzelgespräch meine Bedenken geäußert, dass mich das Retreat überfordert. Der Meister reagierte mit wenig Verständnis, das Retreat wäre doch Entspannung. Am zweiten Tag bot der Meister mir eine Beratung an. Er hätte in der Burnout-Klinik, in der er vorher gearbeitet hätte viele solcher Klienten wie mich gehabt. Das wurde mir dann doch zu viel. Ich sagte ihm, dass ich keine Beratung brauche, sondern mir nur eine Unterstützung für das Retreat gewünscht hätte. Verärgert packte ich meine Koffer verließ ich die heiligen Hallen des Klosters.

Nach dieser Erfahrung traute ich mich lange Zeit nicht mehr auf ein Retreat. Da ich als MBSR-Lehrerin verpflichtet war, jedes Jahr ein Retreat zu besuchen, suchte ich verzweifelt nach einem weniger strengen Retreat. Viele Retreat-Zentren veröffentlichen den Tagesablauf nicht und ich musste erst danach fragen. Nach meinen schlechten Erfahrungen kam für mich kein Retreat mehr in Frage, bei dem man früh aufstehen und putzen muss.

Als ich vom Retreat des MBSR-Verband erfuhr, war ich erleichtert. In Oberlethe klingelte der Wecker erst um 6:45 Uhr und ich musste keine Putzarbeiten übernehmen. Es gab viele Gehmeditation im Freien, die ich als meditativen Spaziergang nutzen konnte. Das Retreat war weltanschaulich neutral, es gab keine Gongs, keine buddhistischen Gewänder und keine Niederwerfungen. Die Leiter des Retreats waren sehr einfühlsam und kümmerten sich liebevoll um die Teilnehmer. In Gruppen- und Einzelsitzungen gab es genügend Raum für Fragen und Probleme. Ich fühlte mich voll und ganz unterstützt und begleitet. Oberlethe wurde zu meinem Rückzugsort am Jahresanfang. Dort konnte ich das vergangene Jahr hinter mir lassen und Energie tanken für das kommende.

Aus diesem reichen Erfahrungsschatz schöpfe ich für meine eigenen Retreats. Wenn Sie Interesse haben, melden Sie sich hier an für das nächste Retreat im Spessart.

Nach oben scrollen