Achtsamkeit

Achtsamkeit ist heute in aller Munde. Alles ist achtsam, sogar in der Politik ist man achtsam. Die Bedeutung ist völlig unklar. Einmal wird es im Sinne von „vorsichtig“ benutzt, ein andermal steht es für „sanft“. Es ist so, als könne sich jeder eine eigene Bedeutung erfinden. Aber das ist nicht so. Achtsamkeit hat eine klare Definition:

Achtsamkeit bedeutet die absichtsvolle Aufmerksamkeitslenkung auf den gegenwärtigen Moment ohne zu bewerten

Jon Kabat-Zinn, Gesund durch Meditation

Ursprünglich kommt der Begriff aus dem Buddhismus. Bereits vor 2500 Jahren lehrte Buddha die Achtsamkeits-Meditation. Buddhas originalgetreue Anleitung finden wir im Sattipathana Sutta. Die Praxis sollte zu tiefer Einsicht, zum „Erwachen“ führen. Deshalb wird sie auch Einsichtsmeditation (Vipassana) genannt.

Vor 50 Jahren brachte Jon Kabat-Zinn den Begriff in den Gesundheitsbereich. Er unterrichtete damals an der Universität Yoga und Meditation. Als forschender Molekularbiologe erkannte er das Potential. Er entwickelte aus beiden Verfahren ein Programm für den Gesundheitsbereich, das er MBSR (Mindfulness Based Stress Reduction) nannte. Das Programm konnte er mit großem Erfolg als Therapie gegen chronische Schmerzen einsetzen. Damit ebnete er dem Yoga und der Meditation den Weg in die westliche Medizin. Seitdem wird MBSR bei vielen Krankheiten als Komplemtärtherapie eingesetzt. Die Wirkung ist in vielen Studien erforscht. Diese belegen, dass es bei vielen psychosomatischen Krankheiten hilft, wie z.B. dem Burnout-Syndrom, Hauterkrankungen, Ängsten und Panikattacken, Depressionsprophylaxe, Kopfschmerzen und Migräne, Schlafstörungen etc.. Es hilft aber auch bei Gesunden. Denn es verbessert das allgemeine Wohlbefinden und die Fähigkeit, mit Stress umzugehen.

Achtsamkeit und Moral

In den letzten Jahren wird die Entwicklung ethischer Werte immer wichtiger. Werte wie Verzeihen, Mitgefühl und Wertschätzung werden im MBSR-Programm durch die Praxis der Liebenden Güte Meditation (Metta) kultiviert. Doch die Achtsamkeit wurde aus dem Buddhismus herausgelöst und verlor ihre moralische Kraft. Die Rückbindung an den Achtfachen Pfad würde ihr guttun. Dieser lehrt, dass Gier, Hass und Verblendung die größten Geistesgifte sind. Stattdessen soll das Denken und Handeln auf Entsagung, Nichtschädigen und Enthaltung von Groll ausgerichtet werden.

Die Achtsamkeitsmeditation dient dazu, das Bewusstsein zu schärfen. Sinnesreize, Affekte und Denkinhalte werden bewusst wahrgenommen im Moment des Entstehens. Mit einer wertfreien Distanz werden sie beobachtet ohne sie zu kontrollieren. Dadurch wird ein Raum geschaffen, in dem wir uns nicht mit den Gedanken und Gefühlen identifizieren. Aus der Distanz eines Beobachters lassen sich diese verändern. Die Psychologie nennt dieses Verfahren Desidentifikation. Dadurch fällt es uns leichter, uns von unheilsamen oder negativen Denkinhalte zu lösen und sie in das Gegenteil zu verwandeln.

Achtsamkeit – Hype oder Hoffnung?

Ist der Achtsamkeitstrend nur eine Seifenblase? Einmal vom Strohhalm gelöst, schaukelt sie schillernd durch die Luft, um endlich zu zerplatzen. Ich glaube Achtsamkeit ist mehr als nur ein Trend. Die Ergebnisse aus der Hirnforschung sind überzeugend. Schon nach einem achtwöchigen Training verändern sich wichtige Bereiche im Gehirn, die für die Emotionsverarbeitung, die Stressregulation und die Lernfähigkeit zuständig sind. Diese Veränderungen können uns wappnen gegen die Informationsflut und den Stress. Achtsamkeit wird einen Platz annehmen in der Mitte der Gesellschaft. Wenn wir Achtsamkeit in dem ursprünglichen Wertekontext praktizieren, könnte sie sogar zu einem wichtigen Fundament für die moderne Gesellschaft werden.

Achtsamkeitstrainings wachsen wie Pilze aus der Erde. Doch keines ist so gut wissenschaftlich untersucht wie das klassische MBSR-Programm. Eine Metauntersuchung der Krankenkassen hat bestätigt, dass alle anderen achtsamkeitsbasierten Interventionen eine schwächer Wirkung auf die Gesundheit der Psyche und des Körpers haben. Investieren Sie also lieber in dass wissenschaftlich fundierte MBSR-Programm als ein unerforschtes Achtsamkeitsversprechen.

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